Der nächste Punkt unserer To-Do-List: Cádiz! Sie wird auch liebevoll als "Silbertässchen" (La Tacita de Plata) bezeichnet und ist die älteste Stadt Westeuropas. Tatsächlich wurde sie 1100 v. Chr. von den Phöniziern gegründet. Unsere Fahrt bis dahin dauert 2 1/2 Stunden und haben wir uns für eine Nacht ein charmantes Hotel im Herzen der Altstadt gebucht. Doch schon am ersten Tag war klar, dass wir noch eine Nacht dranhängen müssen. Eine perfekte, spontane Entscheidung! Wenn man sich erst einmal in das Flair der Stadt verliebt hat, reicht ein Tag einfach nicht aus, um all die versteckten Gassen und Winkel zu entdecken! Und unser Zimmer im Hotel Soho Boutique Cádiz war wirklich der Wahnsinn! Doch auch die Fahrt in die Stadt hinein (oder hinaus?) war besonders beeindruckend, da die Altstadt komplett vom Meer umschlossen ist und nur über eine schmale Landzunge mit dem Auto erreichbar ist. Rechts und links das Meer und wir mittendrin!
Um ein erstes Gefühl für Cádiz zu bekommen, spazieren wir gleich einmal durch die engen Gassen des Barrio del Pópulo, dem ältesten Viertel, und keine 300 Meter weiter stehen wir schon vor der Kathedrale, hier auch bekannt als "Kathedrale des Ewigen Baus". 116 Jahre Bauzeit! - sozusagen das "Berliner-Flughafen-Projekt des 18. Jahrhunderts". Dennoch ist sie die Top Sehenswürdigkeit, da muss jeder hin. Das markanteste Merkmal ist die goldene Kuppel, die sich gegen die weißen Fassaden gut abhebt, am schönsten glänzt sie in den Abendstunden. Aber davon soll man sich nicht täuschen lassen! Sie glänzt zwar wie Gold, in Wahrheit handelt es sich jedoch um günstige gelbe Kacheln, die damals den Reichtum der Stadt nur vortäuschen sollten, als die Handelsmonopole mit Amerika bereits schwanden. Auch an der Fassade kann man es sehen. Unten dunkler Kalkstein, oben heller Marmor. Der Grund? Das Geld aus dem Amerika-Handel war plötzlich weg, und man musste nehmen, was gerade da war. 🤷
Dann schlendern wir den Kai entlang und entdecken sie: die versteckten grünen Riesen. Du traust deinen Augen kaum: Majestätische Gummibäume erheben sich in den andalusischen Himmel! In dieser wunderschönen Gartenanlage direkt am Meer stehen diese prächtigen Exemplare, wie ein Klettergerüst für Riesen oder eine perfekte Kulisse für Fantasy-Filme!
Die erste verdiente Pause machen wir dann am Playa la Caleta, dem einzigen Strand im Stadtzentrum. Er ist zwar nicht besonders groß, aber dafür mit feinem goldenen Sand und seichtem Wasser, ideal zum Relaxen und zum Baden. Wir entscheiden uns fürs Relaxen, das Bad in den Wellen wäre doch etwas frisch. Wenngleich wir schon zwei mutige Mädchen dabei beobachten, wie sie zumindest bis zur Hälfte im Wasser verschwinden. Wir bestellen uns lieber die kulinarische Spezialität der Region, die Pesaíto frito (frittierten Fisch) mit Sangria und genießen dabei den tollen Blick auf die Festungen Castillo de San Sebastián und Castillo de Santa Catalina (die älteste Festung von Cádiz) und das helle Balneario de la Palma auf dem Strand. (ein historisches, ehemaliges Heilbad aus den 1920er Jahren, heute beherbergt das unter Denkmalschutz stehende Gebäude das Zentrum für die Unterwasserarchäologie Andalusiens.
Weiter geht es zum Römischen Theater. Da Cádiz eine der ältesten Städte in ganz Europa ist, fehlen archäologische Ausgrabungsstellen natürlich nicht. Mit bis zu 20.000 Plätzen für Besucher gehörte das Römische Theater in Cádiz sogar zu den größten in Europa! Wer hätte das gedacht?? Aber es war lange ein "unsichtbarer" Ort, denn über viele Jahrhunderte wusste niemand, dass mitten in der Stadt ein riesiges Theater vergraben war. Erst 1980 (!!!) entdeckte man die Ruinen nach einem Brand in einem Lagerhaus. Nur wir finden keinen Weg hinein, offenbar latscht man nicht einfach wie in Rom in eine offene Arena, denn der Eingang ist fast schon geheimagenten-mäßig in einer Nebenstraße versteckt. Der Eintritt ist gratis, daher gibt es auch kein klassisches Kassenhäuschen, das dir zeigt: Du bist hier richtig! Dennoch: Eingang gefunden, Eintritt verwehrt, Heute geschlossen!
Zum Glück gibt es noch viel anderes zu bewundern, wie die Plaza de San Juan de Dios, einer der Hauptplätze, wo zur Blütezeit Waren aus alles Welt gehandelt wurden, sozusagen das "Herzstück der Stadt", mit vielen Palmen, einem Springbrunnen und dem wunderschönen Rathaus. Sehr sehenswert!
Am zweiten Tag will ich eigentlich hoch hinaus, sozusagen über die Dächer von Cádiz, auf den Torre Tavira, einst dem wichtigsten Wachturm der Stadt. Aber um den atemberaubenden Blick über die Stadt zu bekommen, muss man erst 173 Stufen rauf (und danach wieder runter) und aus Rücksicht auf Maiks Knie wird dieser kurzerhand zum "Turm des Grauens" erklärt, er hat heute offiziell das Veto-Recht erhalten. Wir betrachten den Turm also aus der Froschperspektive und gehen weiter zu den ebenerdigen Sehenswürdigkeiten, wie dem Mercado Central, der 1838 im Gemüsegarten eines ehemaligen Klosters errichtet wurde. Überall wo wir sind, besuchen wir solche großen Markthallen mit einer Unmenge an frischem Fisch bis hin zu regionalen Obst und Gemüse, eine Vielfalt an Farben, Gerüchen und Formen... einfach herrlich. Und immer wieder höre ich neben mir: "Ach, Schatz wenn wir hier wohnen würden, könnte ich immer frischen Fisch kaufen, und schau dir nur dieses Gemüse an, und diese Früchte ...!!!" Das muss wohl eine Art Fisch-Hypnose sein, denn wenn er vor dem roten Thunfisch aus der Almadraba oder den glänzenden Doraden steht, verwandelt er sich jedes Mal in einen potenziellen Sternekoch, der in seiner Fantasie schon mehrgängige Sternemenüs zusammenstellt und ich hoffe nur, dass wir nicht mit fünf Kilo Riesengarnelen ins Hotelzimmer zurückkommen!
Die Festung San Sebastián aus dem 18. Jahrhundert ist im wahrsten Sinne des Wortes die letzte Bastion von Cádiz, denn sie liegt inmitten des Meeres, nur durch eine Promenade mit der Altstadt verbunden und für uns die letzte Station. Mit jedem Schritt, den wir uns der Festung nähern, wird es windiger. Wind Wind Wind. Der Paseo Fernando Quiñones ist nicht einfach nur ein Weg, sondern im Grunde die weltweit längste Windkanal-Simulation für Touristen. Und wir kämpfen uns durch! Mit jedem Meter Richtung Festung verwandelt sich meine Frisur in ein Kunstwerk, das man sonst nur von Vogelscheuchen nach einem Hurrikan kennt! Hier zeigt sich jetzt auch der wahre Vorteil, wenn man die 173 Stufen des Torre Tavira ausgelassen hat: so haben wir volle Energie in den Beinen, um uns wie einen Anker in den Boden zu stemmen. Wir bezwingen den Atlantik-Wind und erreichen die Festung! Es ist ja kaum zu glauben, dass die Ursprünge dieses Platzes darauf zurückzuführen sind, dass einst venezianische Seefahrer, die mit der Pest infiziert waren, hier "ausgesetzt" wurden und diese aus den Ruinen eines Leuchtturmes das erbauten, was später einmal die Verteidigungsanlage von Cádiz werden sollte. Da stehen wir also, wie zwei Felsen in der Brandung und blicken zurück über das Meer und die gesamte Altstadt von Cádiz, es ist einfach fantastisch!
Kleine Geschichte am Rande: Genau das hier, der Strand von Caleta und der Weg zum Castillo diente im Film "James Bond 007 - Stirb an einem anderen Tag" als Kulisse für Havanna. Während Halle Berry im orangen Bikini aus dem Wasser steigt, schlendert Pierce Brosnan lässig an dieser Mauer entlang. Andächtig streiche ich darüber und seufze... Irgendwie lustig, dass der Regisseur die Szene, die eigentlich in Kuba spielen sollte hier drehte. Offenbar hielten sie Cádiz für "kubanischer" als das Original. Die Einwohner von Cádiz, die Gaditanos, finden es heute noch lustig, dass ihr Castillo weltberühmt wurde, indem es so tat, als wäre es woanders.
Ein kleines PS kann ich mir doch nicht verkneifen: Viele Frauen kennen es: Was Mann sagt, und wie es bei Frau ankommt. Der klassische Urlaubs-Showdown. Welten prallen aufeinander: "Genuss-Frau", die die Geschichte in allen Steinen flüstern hört und der "Speed-Mann", der Sehenswürdigkeiten wie eine Einkaufsliste im Supermarkt abhakt. Er meint: "Ist das hier die Kirche, die du suchst?" und meint wohl "Checkpoint erreicht, GPS-Signal bestätigt, Mission Kultur abgeschlossen, Nächster Halt: Tapa-Bar?" Was ich höre ist: "Schnell, schnell, dann mach dein Foto im Vorbeigehen, bloß nicht lange stehen bleiben, sonst schaffen wir deine anderen Stationen nicht mehr!" Und irgendwann kommt noch der Vorwurf, ICH würde so hetzen! Da hilft dann nur eins: tief durchatmen, küssen und irgendwo ein Gläschen Vino de Casa trinken ... 🥂
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Kommentare
Liebe Senta, ganz ganz toll geschrieben. Ich dachte kurz, ich war dabei. HG Peter
Danke, Peter! Genau so soll es sein! 😊🥰